Wird über flexible Arbeitszeitmodell diskutiert, ist das Sabbatical nicht weit. Aber ist eine Auszeit tatsächlich eine Möglichkeit für Agenturen, Mitarbeiter länger zu halten? Oder haben die, die davon träumen, längst innerlich gekündigt?

Folgt man der Medienberichterstattung, so ist das Sabbatical ein Statussymbol unserer Zeit: Wer seine Karriere zugunsten persönlicher Freiräume ruhen lässt, signalisiert Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit. Arbeitgeber, die als modern gelten wollen, müssen eine berufliche Auszeit erlauben. Auch in der Kommunikationsbranche hört man häufiger von Auszeiten – sowohl als klare Zäsur, wie bei Antje Neubauer, die ihre Position bei der DB verlässt, als auch als mehrmonatige Pause mit anschließender Rückkehr an den Arbeitsplatz.

In Agenturen lieber nicht?!

„Das würde ich auch gerne mal machen“, hörte ich oft, als ich selbst nach einer längeren Auszeit in die Branche zurückkehrte.

Je nach Quelle träumen tatsächlich zwischen 50 und 80 Prozent der deutschen Arbeitnehmer von einem Sabbatical – aber nur 10 Prozent machen es tatsächlich auch.

In einem Artikel im Focus las ich von den Auszeit-Erfahrungen von Christoph Rieckmann, dem Gründer der Agentur Drehmoment. Sechs Monate hatte seine Agentur ohne ihn zurechtkommen müssen. Dies brachte mich zu der Frage: Sind längere Auszeiten in Agenturen machbar und wenn ja, wie? Im Gespräch erzählte mir Rieckmann sehr offen von seinen Erfahrungen: Kunden reagierten aufgeschlossen und freuten sich mit ihm über seine Pläne. Bedenken zu dem Vorhaben kamen eher aus dem privaten Umfeld.

Wer als Führungskraft so etwas plant, muss im organisatorisch-strukturellen Bereich genauso Vorkehrungen treffen wie auf der emotionalen und energetischen Ebene, so seine Erfahrung. Besonders wichtig aus seiner Sicht: Personalthemen und Perspektiven der Mitarbeiter müssen geklärt, die Aufgaben klar definiert sein, damit die Kolleginnen und Kollegen Verantwortung übernehmen können. Um sich entbehrlicher zu machen, benannte er zwei weitere Geschäftsführer.

Geht für Führungskräfte, die Entbehrlichkeit aushalten

Am Ende bestand seine größte Herausforderung darin zu akzeptieren, dass er vom ersten Tag an nicht mehr angerufen wurde – ein kalter Entzug, wie er es nennt. Seinen E-Mail-Account hatte er vorsorglich vom Handy gelöscht, um nicht erst in Versuchung zu geraten. Die einzige Kommunikation zu seiner Agentur waren zwei Telefonkonferenzen nach zwei und vier Monaten. Und auch bei seiner Rückkehr stürzte sich niemand sofort auf ihn. Man hatte sich an einen Alltag ohne ihn gewöhnt.

Insgesamt war es ein Trade-off, wie er sagt. Ohne ihn haben sich einige Dinge in der Agentur anders entwickelt und auch nach seiner Rückkehr gab es einschneidende Veränderungen, was die Ausrichtung der Agentur betrifft.

Seine wichtigste Erkenntnis ist, dass jeder ersetzbar ist und man Sachen laufen lassen kann. Darauf muss man sich seiner Meinung nach einlassen, wenn man als Führungskraft eine längere Auszeit plant. Würde er es wieder machen? Diese Frage beantwortet Rieckmann mit einem eindeutigen ‚Ja‘.

Auszeit erlauben, bevor sie gebraucht wird

Die Schweizer sind mit 30 Prozent europäischer Spitzenreiter zum Thema Sabbatical. Und einen entsprechend selbstverständlichen Umgang mit dem Thema pflegt man auch bei der Digitalagentur Namics – A Merkle Company. Sie wurde in der Schweiz gegründet, ist aber inzwischen im gesamten deutschsprachigen Raum erfolgreich.

Längerer Urlaube und zwei- bis dreimonatige Auszeiten sind ausdrücklich erwünscht und werden gefördert, hörte ich von meiner Gesprächspartnerin, Dr. Martina Mitterhofer, die den Bereich Research & Insights in München leitet. Dies wird erleichtert durch das Jahresarbeitszeitenkonto, auf dem bei Namics alle Stunden erfasst werden.

Bei den Gesprächen, die ich im Vorfeld dieses Artikels führte, hatte ich zahlreiche skeptische Stimmen zu Auszeiten gehört. Hinter dem Wunsch nach einem Sabbatical stecke oft ein anderes Thema: Der Wunsch nach Abwechslung im Job, keine Lust mehr auf den Arbeitgeber, ausgebrannt sein. Jung von Matt, so wurde mir zugetragen, hatte das Sabbatical abgeschafft, weil danach zu viele Leute kündigten. Bei Namics kommt auf solche Gedanken niemand. Viele Kollegen nehmen regelmäßig eine Auszeit, Geschäftsführung eingeschlossen. Mitterhofer jedenfalls hatte einfach nur Lust, zusammen mit ihrem Freund eine Reise mit dem VW Bus zu machen. Da man in der Agentur auf Vertrauen und Selbstorganisation setzt, organisierte sie auch die Vertretung ihrer Auszeit selbst. Für Namics-Kollegen ist es ganz normal, für andere einzuspringen – weil eben jeder mal längere Zeit unterwegs ist. Das Ergebnis: eine entspanntere Grundstimmung.

Arbeitsmodelle neu denken

Mein nächster Weg führte mich zur Agentur Segmenta, die sich unter Nico Ziegler in den letzten Jahren bestens entwickelt. Bei den Hamburgern gehört es zur DNA der Agentur, althergebrachte Vorgehensweisen in allen Bereichen ständig zu hinterfragen – also auch die klassischen Arbeitsmodelle. Alles soll und darf bei Segmenta neu gedacht und weiterentwickelt werden. Nicht zuletzt deshalb gibt es bei der fast 60 Leuten starken Agentur den Bereich ‚People & Culture‘. Die Leiterin Kristin Wallat kommt von der Ministry Group, einem der Vorreiter der Branche zum Thema ‚New Work‘.

Für Wallat geht es bei dem Wunsch nach einem Sabbatical darum, Raum zu schaffen und zu haben. Er steht dafür, sich aussuchen zu können, was man machen will, seine Zeit sinnvoll zu nutzen, einen Beitrag zu leisten. Viele Arbeitnehmer bringen das nicht mit ihrem Arbeitsalltag zusammen – was sich aus ihrer Sicht unbedingt ändern sollte.

Ihre Haltung zum Thema Auszeit: Für ein Sabbatical gibt es viel gute Gründe. Wer sich dazu entscheidet, sollte es auch mit gutem Gefühl tun können. Dass Kollegen kündigen, auf Reisen gehen und dann einen neuen Agenturarbeitgeber suchen, findet sie unzeitgemäß. Als Arbeitgeber sollte man flexibel sein und möglichst viele Anreize zum Bleiben bieten.

Den Alltag so gestalten, dass der Druck nicht zu hoch wird

Ebenfalls ganzheitlich schaut man bei Sympra auf das Thema. Bei der in Stuttgart gegründeten Agentur macht man sich sowieso sehr viele Gedanken über flexible Arbeitsmodelle. Laut Geschäftsführerin Veronika Höber gibt es dort nichts, was es nicht gibt. Als Zuständige für den Bereich Personal, reagiert sie allerdings zurückhaltend auf die Frage nach dem Nutzen eines Sabbaticals.

Laut ihrer Erfahrung ist es meist schon zu spät, wenn der Wunsch nach einer Auszeit entsteht. Dann sind Stresslevel, Frust oder was auch immer schon zu groß. Jedenfalls fragt sie in solchen Fällen immer sehr genau nach den Gründen. Und deshalb arbeitet sie auch lieber daran, den Raum bei Sympra im übertragenen Sinne so zu öffnen, dass der Druck, den die Mitarbeiter empfinden, nicht zu hoch wird.

Für Kollegen, die mehr Zeit für Weiterbildung, Reisen oder Familie brauchen, findet man bei Sympra auf alle Fälle eine Lösung. Und wer einfach mal Lust hat auf eine neue Erfahrung, für den gibt es ein besonderes Angebot: Bei ‚create 5‘ reisen Sympra-Mitarbeiter auf Agenturkosten zu einem Ziel ihrer Wahl. Der Deal: Sie bringen fünf neue Ideen für die Agentur zurück.

Fazit

Fest steht: Ein Sabbatical darf neben der Kündigung nicht die einzige Möglichkeit sein, Stress zu entkommen oder sich um Dinge zu kümmern, die Spaß machen. Denn dann erhöht es die Mitarbeiterbindung nicht – und hat als „Kündigung light“ auch keinen Nutzen für den Arbeitgeber. Vielmehr gilt es, Organisations- und Arbeitsstrukturen so weiterzuentwickeln, dass sie zu Kundenbedürfnissen genauso passen wie zu denen der Mitarbeiter. Denn wenn Arbeit Spaß macht und Bestätigung bringt, bleibt man gerne länger. Oder kehrt man auch nach längeren Pausen gerne an den Arbeitsplatz zurück.

Ein abschließender Tipp für Arbeitgeber kam von der sabbaticalerfahrenen Petra Sammer, die vor der Gründung der Storytelling-Beratung ‚pssst‘ 25 Jahre bei Ketchum war: Wer aus einem Sabbatical in die Agentur zurückkommt, sieht das alte Arbeitsumfeld mit anderen Augen – bewusst oder unbewusst. Viele Arbeitgeber unterschätzen, dass sie sich um Rückkehrer besonders kümmern müssen. Viele machen weiter mit „Business as usual“ und laufen damit Gefahr, dass Rückkehrer sich nicht mehr einfügen.“

Dieser Artikel erschien zuerst im Newsletter @pr-journal am 19. März 2019.

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