Bei Schreiben meines Jahresrückblicks 2025 hatte ich noch ein anderes Motto im Kopf: „Practice what I preach“. Mich hätte misstrauisch machen sollen, dass ich keine große Lust hatte, loszuschreiben.
Nachdem wie aus dem Nichts der „gepflegte Größenwahn“ auftauchte, war mir sofort klar, warum „Practice what I preach“ keine Energie freigesetzt hat: Es ist mehr eine Aufforderung zur Selbstoptimierung als ein Motto. Und klar möchte ich dieses Jahr meinen eigenen Weg des Denkens mit Kopf und Körper weiter fortsetzen. Denn es ist ein Übungsweg, an dem ich dranbleiben möchte. Aber für ein Jahresmotto eignet es sich eine Ermahnung an mich selbst nicht. Macht nämlich keinen Spaß.
‚Gepflegter Größenwahn‘ hingegen energetisiert, erheitert und inspiriert mich. Und es passt auch irgendwie zu dem Jahr des Feuerpferdes, das nach dem chinesischen Kalender Mitte Februar beginnt. Jedenfalls merke ich schon nach kurzer Zeit, wie gut das Motto für mich funktioniert. Kein Wunder, denn es ist entstanden, als ich etwas tat, was mir ein bisschen größenwahnsinnig vorkam.
Gepflegter Größenwahn: Wie ich dieses Motto 2026 mit Leben füllen werde
Dieses Motto bedeutet für mich 3 Dinge:
1. Ich denke kühn und handele verwegen
Ich würde behaupten: An Mut hat es mir nie gefehlt. Aber einen Hang zum Monumentalen habe ich bei mir bisher nicht beobachtet. Das wird sich in 2026 ändern.
Was ich damit meine, lässt sich gut anhand der Geburtsstunde des gepflegten Größenwahns beschreiben: Ich habe einen Beitragsvorschlag für die re:publica 2026 eingereicht. Für die, die diese Veranstaltung nicht kennen: Es ist die größte Konferenz zu digitaler Gesellschaft, Politik und Kultur im deutschsprachigen Raum mit ca. 30.000 Teilnehmern.
Ich rechne nicht fest damit, dass mein Vorschlag angenommen wird. Aber ich finde es auch nicht komplett abwegig. Und allein die Entscheidung, eine Session einzureichen, hat viel in Gang gesetzt:
- Ich hatte die Idee drei Tage vor Einsendeschluss und habe keinen Moment gezögert. Ein supergutes Gefühl zu erleben, wo ich mit meinem Thema stehe
- Ich habe festgestellt, wie viel Spaß es mir macht, groß zu denken
- Mir ist bewusst geworden, dass ich mir eine Session auf dieser Flughöhe absolut zutraue.
- Mir ist noch einmal mehr klar geworden, wie gut es für jeden einzelnen und die Gesellschaft wäre, wenn wir alle lernen würden, mit Kopf + Körper zu denken.
Und ich habe mein Motto gefunden. Bin ganz gespannt, wie viele re:publica-Momente ich mir dieses Jahr bereiten werde. Der Vorschlag für meine Session auf der internationalen Focusing-Konferenz in Wien im Juni wurde jedenfalls schon mal angenommen.
Aber natürlich geht es mir bei „gepflegtem Größenwahn“ nicht nur um Auftritte auf hochkarätigen Konferenzen. Es geht mir um das dahinterliegende Selbstverständnis: Ich habe Lust darauf, ich kann das, also mache ich das auch. Oder: Ich habe Lust darauf, also mache ich das, auch wenn ich noch nicht genau weiß, wie.
2. Ich darf das
Mein Manifest für Denken mit Kopf UND Körper hat in mir einen Schalter umgelegt. Beim Schreiben habe ich erlebt, wie kraftvoll das Thema ist. Und wirklich JEDES Mal, wenn ich davon erzähle, bekomme ich Zustimmung und erlebe echtes Interesse. Ich kann sehen: Die Zeit ist reif, dass wir uns die Fähigkeit, auch mit dem Körper zu denken, wieder zurückerobern. Denn Denken mit Kopf und Körper ist dem Menschen zwar angeboren, die meisten von uns haben es aber leider verlernt.
Nun bin ich weder Kognitions- noch Neurowissenschaftlerin und kenne mich auch mit dem theoretischen Unterbau der Mikrophänomenologie nicht aus. Aber ich habe ja auch keine neue Methode erfunden. Denken mit Kopf und Körper basiert auf der von Gene Gendlin beschriebenen Methode Focusing. Focusing wird seit Jahrzehnten erfolgreich eingesetzt und ist bereits vielfach wissenschaftlich überprüft und klinisch erprobt.
Falls mal wieder Stimmen in mir laut werden, die „Darfst du das überhaupt?“ fragen. Oder „Wer glaubst du eigentlich, dass du bist?“ werde ich sie mit meinem Motto zur Seite schubsen – und zwar mit Schwung.
3. Ich wähle klug
Größenwahn allein kann sehr destruktiv sein, wie man sieht, wenn man sich gerade in der Welt umschaut. Aber mein Größenwahn ist gepflegt. Das bedeutet:
- Ich gehe pfleglich mit mir selbst um
- Ich gehe pfleglich mit anderen um
- Die anderen sind nicht kleiner, nur weil ich groß bin
- Ich pflege Beziehungen
- Ich pflege meinen Größenwahn, indem ich meinen Blick auf das Große richte
- Ich kultiviere meinen Größenwahn, indem ich ihn pflege
- Ich pflege meine innere Überzeugung und lebe das Motto lustvoll und unbegrenzt
- Mein Größenwahn fühlt sich wohl bei mir

















2 Kommentare
Gepflegter Grössenwahn … was für ein geniales Motto, liebe Birgit. Ich musste so schmunzeln und habe gleich jede Menge Bilder dazu im Kopf. Ich glaube, wir dürfen alle ein bisschen grössenwahnsinniger werden und unsere Grösse anerkennen und leben.
Dir wünsche ich auf jeden Fall ganz viel Freude, Lebenslust & verrückte Momente.
Herzliche Grüsse vom Zürichsee
Tanja
Liebe Tanja,
du hast so recht: Sich nicht von der Bewertung „Größenwahn“ abhalten zu lassen, sondern sich mit der eigenen Größe zu verbinden – das ist die Aufgabe. Ich durfte schon ein paar Mal feststellen, wie freudvoll das ist und wie viel Energie das gibt.
Ganz herzliche Grüße aus Brandenburg zurück
Birgit