Als ich die Einladung von Silke Geissen zu ihrer Blogparade “Einen Scheiß muss ich” las, habe ich mich sofort hingesetzt und angefangen zu schreiben. Ich mag erzählen von einem Prozess, den ich in den letzten Jahren durchlaufen habe: Weg von „Um jeden Preis einen guten Eindruck machen“, hin zu: “Birgit ohne Filter”.
Auf dem Weg dorthin ist mir klar geworden, was für eine seltsame Maske die hochgelobte Professionalität eigentlich ist. Bis heute muss auch ich mir diese tückische Brille der Selbstzensur immer wieder von der Nase reißen. “Das kommt aber nicht sehr professionell daher” sagt mein früheres Ich dann zu mir. Zu lange habe auch ich die dazugehörige Show abgeliefert. Aber mit jedem Mal merke ich: Ohne Zensur macht das Leben wesentlich mehr Spaß.
Mich noch mal neu erfinden nach mehr als 20 Jahren?!
Als ich anfing, mich als Coachin und Trainerin für Instagram zu interessieren, liefen mir ständig attraktive Frauen in wallendem Gewand an schönen, warmen Orten durchs Bild. Botschaft: Schau her, wie ich mit der richtigen Strategie ohne großen Aufwand wahnsinnig viel Geld verdiene. Und auch wenn die Menschen auf LinkedIn lange nicht mehr so steif daher kommen wie früher, lächelten mir dort überwiegend Coaches in klassischen Posen in der guten alten Blazer-Uniform entgegen.
Ich fing an, mich mit der Frage rumzuschlagen: “Wie will ich mich selbst darstellen, was von mir zeigen?”. Als Inhaberin einer Kommunikations-Agentur hatte ich mir diese Frage vor mehr als 20 Jahren schon einmal beantwortet. Nach so langer Zeit und in einer anderen Rolle war es sinnvoll, mir diese Fragen noch einmal zu stellen.
Fun Fact: Ich machte den Fehler, mein erstes Shooting zu buchen, bevor ich meine Antworten gefunden hatte. Das Ergebnis: Porträts, auf denen ich so aussah, als wolle ich mich für meine Existenz entschuldigen:

Ich esse lieber von Mitbringbuffets als in Champagner zu baden
Nicht ohne Grund schrieb ich weiter oben “Ich schlug mich mit dem Thema rum”. In meiner Funktion als Agenturinhaberin war es früher wichtig – so mein Gefühl – modisch, lässig und individuell gekleidet zu sein, um sich so in eine Aura von Erfolg zu hüllen. Da musste auch bei Ebbe auf dem Konto trotzdem eine Gucci-Brille her.
Schwierigkeiten oder Rückschläge waren tunlichst zu verbergen: Wer will schon der einzige Gast auf einer Party mit Mitbringbuffet sein, während nebenan die Gastgeber den Champagner bereitstellen? Mitleid verkauft nicht. Mein Vater hatte mich dazu mit dem passenden Glaubenssatz ausgestattet: Kopf hoch, wenn der Hals auch dreckig ist.
Nun ist es aber so: Ich liiiieeebe Mitbringbuffets (in meiner neuen Heimat absolut üblich) und mache mir nichts aus Champagner. Weil ich nämlich keine Gucci-Frau bin und überhaupt ein entspanntes Verhältnis zu Statussymbolen habe.
Es hat eine Weile gedauert, aber irgendwann wurde mir klar: Einen Scheiß muss ich! Ich will keine künstliche Aura von irgendwas um mich herum erzeugen.
Ich gebe zu: Die Show hat mir gefallen
Wie aber wegkommen von einem Bild von mir, das ich über 25 Jahre genährt hatte? Es war ja nicht nur das Umfeld, dass das von mir erwartet hatte. Ich fand es selbst ansprechend, mich als Mrs Perfect zu präsentieren, muss ich zugeben.
Ich lese immer wieder, wie viel Kraft es kostet, diese Rolle zu spielen. Ich selbst habe es nicht so empfunden. Vielleicht, weil ich das immer als Teil einer coolen Show gesehen habe, die einfach dazugehört. Aber zu meiner jetzigen Tätigkeit als Coachin und Trainerin für Denken mit Kopf und der Methode Focusing passt das überhaupt nicht mehr.
Auf Insta fiel mir die Kehrtwende leichter, da meine Kontakte dort zu Beginn überwiegend privat waren. Wer neu hinzukam, kannte ja mein altes Ich nicht. Ich beschloss, meine Mutter zum Vorbild zu nehmen: Sie spielte leidenschaftlich gerne Theater und machte sich dabei mit großem Vergnügen schief oder hässlich.


Zum Jahreswechsel 24/25 nahm ich mir also ein Herz und postete ein im wahrsten Sinne des Wortes schräges Bild von mir.

Professionalität = ohne Ecken und Kanten
Auf LinkedIn fiel es mir deutlich schwerer, mich in der “Einen Scheiß muss ich”-Haltung zu präsentieren. Mein gesamtes früheres berufliches Netzwerk ist dort versammelt – auch wenn ich mit den meisten heute keinen Kontakt mehr habe. Zudem tummeln sich dort tausende von Coaches und Trainer:innen in Sakko oder Blazer und einem professionellen Lächeln im Gesicht.
Wo immer ich auf deren Website klickte: nirgendwo etwas Persönliches, alle ausschließlich hochkompetent und absolut professionell. Tolle Lebensläufe und lange Ausbildungsnachweise. Aber keine Ecken und Kanten.
Nicht die Methode macht den Unterschied, sondern ein menschliches Gegenüber
Schützenhilfe bekam ich von der Philosophie, die hinter der Methode Focusing steckt, mit der ich arbeite. Während bei vielen Coachingmethoden so getan wird, als spiele ausschließlich die Kompetenz des Coaches eine Rolle, ist das bei Focusing anders. Dort wird der Mensch nicht als von der Außenwelt getrenntes Objekt angesehen, der sich in einer Situation befindet. Vielmehr IST die Person die Situation.
Es ist eben nicht allein die richtige Frage oder Methode, die eine Veränderung erzeugt. Mindestens genauso wichtig ist die Qualität des Kontaktes und die Reaktion eines unverstellten Gegenübers. Ein Gegenüber, das willens ist, präsent ist mit allem, was ihn oder sie ausmacht.
Ein konkretes Beispiel dazu: Neulich erzählte mir eine Klientin in einem Coaching, von einer schwierigen Situation mit einer Kollegin. Obwohl die Situation wirklich nicht lustig war, stieg mir ein Gefühl von Heiterkeit auf, das so stark wurde, dass ich das meiner Klientin zurückmeldete. Und zwar ohne, dass ich mir das selbst erklären konnte. Zuerst war sie irritiert, nahm das dann aber in ihren Prozess auf, was dem ganzen Thema noch mal eine völlig neue Richtung gab und am Ende zu einer sehr guten Entscheidung führte.
(Anm.: Das ist auch der Grund, warum Coaching allein mit KI keine nachhaltigen Veränderungen bringt: Weil kein wirklich nachhaltigeres Gegenüber vorhanden ist).
Es gibt keinen Grund, sich zu verstecken
Da die meisten von uns diese Art von Präsenz nicht gewohnt sind, braucht es dafür einiges an Übung. Und während ich übte und Rückschläge erlitt und wieder neu anfing, wurde mir klar: Professionalität aufzutreten ist deutlich einfacher als meine Ecken und Kanten offenzulegen. Deshalb ist die Maske der Professionalität eigentlich ganz schön feige. Der Mensch kann sich wunderbar hinter dem “sei professionell” verstecken.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Es geht mir nicht darum, dass Coaches ihre Klienten mit ihren eigenen Problemen belästigen sollen. Und niemand muss sein Privatleben offenlegen. Ich meine vielmehr: Weniger Show würde uns allen guttun. “Kopf hoch, wenn der Hals auch dreckig ist” würde immer noch sehr gut passen: Auch wenn mal nicht alles toll ist, ist das noch lange kein Grund, sich zu verstecken.
Und dann auch noch die passende Theorie
Irgendwann stieß ich auch noch auf einen passenden Text von Eugene Gendlin, dem Begründer der Focusing-Methode. Er richtete einen Appell an alle, die Menschen in herausfordernden Situationen begleiten: “Wir haben Methoden, wir haben Zertifikate, wir haben Doktoren…Erlaube nicht, dass sie dazwischengeraten; schaffe sie aus dem Weg. Du solltest doch wenigstens so viel Mut haben wie der Klient. Wenn ich trotz all dieser Dinge, die ich habe, dennoch nicht wirklich aus den Augen herausschauen könnte, müsste ich mich schämen. Der Klient kann es. Deshalb möchte ich auf dieselbe Weise da sein. Das, denke ich, ist unser erster Job…Das ist so notwendig in einem Feld, das mehr und mehr „professionell“ wird, was heißt: nutzlos und teuer.”
Es hat natürlich nicht nur mit Angst zu tun, dass sich die Menschen im Business-Kontext hinter ihrer Professionalität verstecken. Die Gesellschaft hat Professionalität zum Maß vieler Dinge erhoben: Im beruflichen Umfeld heißt es oft “das oder das war nicht professionell”. Wenn ich mich daran halte, bedeutet das in der Praxis: Sei eine Maschine, zeige nicht, was dich als Mensch ausmacht, verstecke deine Unsicherheiten und Niederlagen.
Mein Fazit aus diesem Prozess: Total professionell daherkommen? Ist nicht menschlich, braucht kein Mensch und hilft auch nicht weiter. Es sei denn, jemand steht wirklich auf Show.
















